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Schöne neue Idée Suisse?

16.02.2009 | Basler Zeitung

Debatte über die Schaffung eines nationalen Kultursenders.

Was ist Kultur? Ist sie Kunst und Literatur, Film und Theater? Oder vielmehr ein Modus der Auseinandersetzung, ein Ort, wo über die Sprachgrenzen hinweg Köpfe zusammengesteckt respektive die Hörner aneinandergerieben werden? Solche Fundamentalfragen wurden am Freitag an einer Tagung in Bern aufgeworfen. Sie hatte zum Ziel, eine Debatte zur Schaffung eines gesamtschweizerischen Kulturkanals zu lancieren – ein «helvetisches Arte», wie der ambitionierte Arbeitstitel lautete. Für die Initianten unter der Federführung von Bernard Cathomas, Direktor der romanischen SRG, die Einlösung der «Idée Suisse» schlechthin, für die Gegner wie SRGGeneraldirektor Armin Walpen schlicht «kein Thema».

Prominenz. Anwesend war eine illustre Runde von Kultur- und Medienvertretern sowie Politikern aus allen Teilen der Schweiz. Von SF-Direktorin Ingrid Deltenre über «Monsieur Culture» BAK-Direktor Jean-Frédéric Jauslin und alt Ständer Giles Petitpierre bis hin zur Bündner Regierungsrätin Barbara Janom Steiner (BDP). Dargeboten wurde ein flinkes intellektuelles Ballspiel, sodass man sich bisweilen eher an einer umtriebigen Ideenbörse als in einer kulturpolitischen Tagung wähnte. Oder in einer «Arena»-Sendung, wo Idealisten und Pragmatikerinnen in verschiedenen Tonarten aneinanderzugeraten pflegen.

Sprachkulturen. Vorweg die Analyse von Medienprofessor Roger Blum: Dem Schweizer Medienpublikum seien die gleichsprachigen Nachbarländer in vielerlei Hinsicht vertrauter als die anderen helvetischen Sprachregionen. Diesem Trend könnten die Medien entgegenwirken, täten dies aber nicht und wirkten damit eher als Spalter denn als Klammer der verschiedenen (Sprach-)Kulturen, so der Wissenschaftler.

Hier setzt der Vorschlag von Bernard Cathomas an. Der Direktor des romanischen Radios und Fernsehens wirbt für einen nationalen TV-Sender, der bestehende Gefässe aus allen Sprachregionen recycelt und «Sprach-, Kultur- und Bildungsinteressierten» in der ganzen Schweiz zugänglich machen
soll – gemäss Schätzungen «einigen 100 000 Personen». Die Gesamtkosten würden sich in einstelliger Millionenhöhe bewegen, wie Cathomas errechnet hat. Das wären weniger als 0,5 Prozent des SRGBudgets, um zu verhindern, dass sich das Land «wie ein Würfelzucker im Wasserglas auflöst».

Ernüchterung. Nicht zufällig kommt der Vorstoss für einen gesamtschweizerischen Kultursender aus Graubünden, beinhaltet er doch die Forderung nach einer stärkeren Teilhabe einer kulturellen Minderheit an der «Fernsehidee Schweiz». Das Projekt sieht einen «massvollen Ausbau» der Televisiun
Rumantscha vor, die gegenwärtig über keinen eigenen Kanal verfügt und ihre Beiträge in rätoromanischer Sprache über SF 1 sendet. «Das Rätoromanische wird in der Schweiz als Kulturfaktor wahrgenommen», so die Begründung von Cathomas für die Allianz der «Nischenprodukte» Rumantsch und Kulturfernsehen.

Für grosse Ernüchterung sorgte das Statement von SRG-Generaldirektor Armin Walpen, dem später vorgeworfen wurde, er schiebe einen Riegel, bevor er überhaupt wisse, was vor der Tür stehe. Publizist und «L’Hebdo»-Gründer Jacques Pilet konterte: «Dieses Land hat die Angewohnheit, alle Projekte bereits im Kern mit dem Geldargument zu ersticken.»

Das Geld war in der Tat der Hauptgrund für Walpens ablehnende Haltung, doch nicht der einzige. «In der SRG SSR denkt heute niemand mehr an einen Ausbau des Radio- und Fernsehangebots. Wir diskutieren vielmehr über einen Programmabbau.» Ein Fernseh-Kulturkanal stehe deshalb jenseits der Diskussion. Man solle auch einmal darüber nachdenken, ob ein eigener Kultursender nicht die Gettoisierung der Kultur fördere und die anderen Sender von der Pflicht entbinde, kulturelle Themen zu bringen.

Hoffnung. Das versöhnlichste Plädoyer stammte von Publizist Roger de Weck, der dem geknickten Saal wieder etwas Hoffnung einflösste, indem er einen «Best of»-Kanal vorschlug: einen Sender, der nicht nur Kulturelles, sondern das Beste aus allen Sprachregionen für die ganze Schweiz bereitstellt. Eine Idee, welche die Initianten dankbar aufnahmen. Ihr Fazit: sich auch in Krisenzeiten nicht davon abhalten lassen, Visionen zu haben, und eine Lobby für einen sprach- und kulturübergreifenden schweizerischen Sender gründen. Und die SRG in die Pflicht zu nehmen, sich daran zu beteiligen, weil dies der Idée Suisse entspreche. Hier wird noch Überzeugungsarbeit zu leisten sein.

Nathalie Baumann