Home / Idee / Stimmen / Medienstimmen / 2009 / Ein Kulturkanal als nationaler Klebstoff

Ein Kulturkanal als nationaler Klebstoff

14.02.2009 | Neue Zürcher Zeitung

Der Traum einer TV-Brücke über Polenta- und Röstigräben.

Der Chef der romanischen SRG wünscht sich einen landesweiten Kulturkanal. Dieser soll zum nationalen Zusammenhalt beitragen. Doch der SRG-Generaldirektor sagt: «Kein Thema.»

Zahlreiche prominente kulturaffine Personen nahmen an der Veranstaltung in Bern teil, an der Bernard Cathomas, Direktor des romanischen Radios und Fernsehens RTR, seine Idee eines nationalen TVKulturprogramms zur Diskussion stellte. «Arte» mit dem Label «idée suisse» soll synchronisierte oder untertitelte Beiträge über Kultur und Bildung wiederholen, welche die SRG-Sender SF, TSR und TSI bereits gezeigt haben. Der Kanal würde – als klar beabsichtigter Nebeneffekt – dem romanischen Fernsehen mehr Raum verschaffen: Für dieses will Cathomas die Zeit zwischen 18 und 19 Uhr 30
reservieren. Er spricht von einem «massvollen Ausbau» des romanischen Fernsehangebots. Den staatspolitischen Mehrwert des Kulturkanals sieht der Bündner in der Förderung von Kultur, Bildung und des nationalen Zusammenhalts. Als Zielpublikum sieht er «einige hunderttausend Personen».

Kosten in einstelliger Millionenhöhe

Er habe nicht ahnen können, sagt Cathomas, dass sich die globale Finanzlage und auch jene der SRG derart schnell ändern würde. Anstatt über neue Programme nachzudenken, müsse man nun einschneidende Sparmassnahmen ausarbeiten. Doch gerade in schwierigen Zeiten könne es sinnvoll sein, über neue Ideen und Lösungen zu diskutieren. Die Gesamtkosten eines Arte helvétique würden laut Cathomas einen Betrag in einstelliger Millionenhöhe ausmachen bzw. weniger als 0,5 Prozent des SRG-Budgets, umgerechnet also knapp 8 Millionen Franken.

Zum Vorstoss aus Graubünden sagte SRG-Generaldirektor Armin Walpen klipp und klar: «Kein Thema!» Die finanzielle Lage der SRG lasse es nicht zu, an einen Programmausbau zu denken. Vielmehr müsse man angesichts der medienpolitischen Perspektiven über einen Abbau nachdenken.

Walpen sagte aber auch, dass die SRG bereits viel für die Schweizer Kultur leiste. Nach seiner Berechnung beträgt der Anteil der Kultur in den SRG-Fernsehsendern (ohne Filme) 12 Prozent. Der nationale Rundfunk unterstütze diverse Kulturereignisse und sei der wichtigste Filmförderer.Schliesslich stellte Walpen die Frage, ob ein solcher Spartenkanal nicht vielmehr zur Ghettoisierung der Kultur beitragen würde. So erreiche Arte einen Marktanteil von weniger als 1 Prozent, und 3sat komme auf bloss 1,1 Prozent.

«Lasst uns darüber diskutieren»

Die Bündner Regierungsrätin Barbara Janom Steiner sähe die Einführung eines Kulturkanals als Tatbeweis für die Umsetzung des neuen Sprachgesetzes. Und sie äusserte die Hoffnung, der Sender könnte dereinst in Chur angesiedelt werden. An die Adresse von Walpen sagte sie: «Schlagen Sie nicht die Türe zu, lasst uns darüber diskutieren.» Man müsse das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen. Ähnlich argumentierten der Stadtpräsident von Biel, Hans Stöckli, und der ehemalige Ständerat Gilles Petitpierre. Der Publizist Roger de Weck meinte hingegen, es brauche keinen Ghetto-Kanal für Kultur, sondern einen, der die besten Produktionen der jeweiligen Landessender wiederhole.Dies würde die Verständigung zwischen den Landesteilen verbessern.

Skeptisch äusserte sich Wolfgang Frei, Leiter von «NZZ Format». Er frage sich, inwiefern Kultur eine integrierende Funktion wahrnehmen könne. Eine Abschiebung von Kulturangeboten in Nischen hält er für problematisch. Sinnvoller wäre es seiner Meinung nach, herausragende Produktionen gegenseitig in den Hauptkanälen der Landessender auszustrahlen. So könnten grössere Zuschauerzahlen erreicht werden – und entsprechend wäre die Integrationsleistung stärker.

Man darf annehmen, dass die Diskussion um einen Kulturkanal schnell versanden wird. Sie dürfte kaum Wellen über die kulturaffinen Milieus hinaus schlagen. Ohnehin plagen die Schweiz zurzeit Probleme von wesentlich grösseren Dimensionen.

A propos nationale Verständigung und «idée suisse»: Kürzlich gab die SRG die zweisprachige Moderation von Radio Swiss Classic auf. Begründet wird der Wechsel zur Einsprachigkeit mit der starken Konkurrenz der ausländischen Klassiksender. «In der Romandie etwa ist die Toleranz
gegenüber dem Deutschen geringer als umgekehrt», sagte der Programmleiter dem «Radiomagazin».

Rainer Stadler