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Erste Diskussion in Bern: Begeisterung

Roger Blum

Als in Bern erstmals breit über einen Fernseh-Kulturkanal diskutiert wurde, stiess die Idee in politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Kreisen auf viel Interesse, ja Begeisterung. Für SRG-Generaldirektor Armin Walpen indessen war sie „kein Thema“. Die Initianten beschlossen, dranzubleiben und ein Netzwerk zu bilden.

Lanciert hatte die Idee Bernard Cathomas, Direktor von Radiotelevisiun Rumantsch (Chur), im Jahr 2008 in Biel. Die erste gründliche Diskussion darüber aber fand am 13. Februar 2009 in Bern statt. Unter dem Titel „Helvetisches Arte. Ein Kulturkanal für die Schweiz – Von der Viersprachigkeit zur Idée suisse“ stand die Problematik der ungenügenden gegenseitigen Kenntnis und Verständigung unter den Sprachregionen der Schweiz sowohl aus wissenschaftlicher wie aus medienpolitischer Perspektive zur Debatte. Im ersten Teil hatten die Forscherinnen und Forscher das Wort. Im zweiten Teil äusserten sich die medialen und politischen Macher. Die wissenschaftliche Analyse zeigte, dass es Defizite gibt. Die politisch-mediale Debatte machte klar, dass die Einen begeistert sind, während die Andern Skepsis äussern und bremsen. Veranstalter der Tagung waren die Stiftung Corymbo und das Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Bern.

Armin Walpen, Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), erteilte der Idee eine Absage. Er zeigte auf, was die SRG alles für die Kultur tut, befürchtete aber, durch einen Kulturkanal gerate die Kultur in ein Ghetto. Für die SRG stehe zurzeit aus finanziellen Gründen eher ein Programmabbau zur Debatte als ein Ausbau. Zuvor hatte Bernard Cathomas erläutert, warum die Idee simpel und logisch sei: Auf einem speziellen Kanal sollten Sendungen der SRG-Fernsehprogramme aller Sprachregionen untertitelt wiederverwertet werden. Ein solcher Kanal beanspruche nicht mehr als 0,5 Prozent des SRG-Budgets. Die Lösung müsse politisch gesucht werden.

Kernthema der Idée suisse

Der Publizist Roger de Weck bezeichnete den Austausch zwischen den Landesteilen als das Kernthema der Idée suisse. Wenn die SRG sich hier stärker engagierte, würde dies ihren Marktanteil und ihre Legitimität erhöhen. Den Grundsatz der Idee unterstützten in kurzen Interventionen auch Jean-Frédéric Jauslin, Direktor des Bundesamts für Kultur, die Bündner Regierungsrätin Barbara Janom, der frühere Genfer Ständerat Gilles Petitpierre und Nationalrat Hans Stöckli, Stadtpräsident von Biel. Kritischer äusserte sich Wolfgang Frei, der Leiter des NZZ-Fernsehens, der durchaus Interesse dafür signalisierte, dass auch die Privaten ihre Sendungen auf einem solchen Kanal einem weiteren Publikum zugänglich machen können. Er plädierte aber für „Best of“-Sendungen aus der ganzen Welt, nicht nur aus der Schweiz, und fragte sich, wieso die Kultur an und für sich integrativ sein solle.

Skeptisch war auch Martin Dumermuth, Direktor des Bundesamts für Kommunikation, der zwar von den Medien sprachregional übergreifende Übersetzungsleistungen einforderte, aber nicht durch untertitelte Sendungen auf einem speziellen Kanal, sondern durch die Arbeit von Korrespondenten. Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre warnte vor Illusionen, die mit der Idee des Kulturkanals verbunden sind. Engagiert für mehr Austausch plädierte der Journalist und Ringier-Direktor Jacques Pilet. Im Publikum überwog die Begeisterung für die Idee. Mitveranstalter Chasper Pult betonte am Schluss, dass die Initianten der Idee eines Kulturkanals dranbleiben und ein Netzwerk bilden wollen.

Gegenseitige Unkenntnis der Sprachregionen

Forscherinnen und Forscher legten den Teppich und beleuchteten die Rolle der Medien in der mehrsprachigen Schweiz. Der Berner Medienwissenschaftler Roger Blum ging von der Tatsache aus, dass drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer nur die eigene Sprache wirklich beherrschen, und zeigte Möglichkeiten auf, wie die Situation zu verbessern wäre. Als realistischste bezeichnete er Übersetzungsleistungen nach dem Vorbild der „ch-Reihe“. Die Genfer Politologin Anke Tresch bestätigte, dass das Mediensystem die sprachregionalen Differenzen verstärkt, wies aber nach, dass in der Europadebatte die Deutungsmuster nicht den Sprachgrenzen folgen. Die Freiburger Medienforscher Joachim Trebbe und Philomen Schönhagen machten deutlich, dass in den SRG-Programmen die Bezugnahme auf andere Sprachregionen schwach ist und dass beim Publikum der Wunsch besteht nach mehr Alltagsberichterstattung von jenseits der Sprachgrenze. Die Tessiner Kommunikationsforscherin Ruth Hungerbühler verwies am Beispiel der Debatten über die Einbürgerung und die Mutterschaftsversicherung auf die Unterschiede im Mediendiskurs je nach Sprachregion. Marc Marti und Catherine Terrettaz von AdLin beim SRG-Produktionszentrum in Bern zeigten anschaulich, welche Möglichkeiten die Untertitelung für Film und Fernsehen bieten.