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Die Mentalität ist intakt, das Wissen verschwindet

Roger Blum

Driftet die Schweiz auseinander? Die gemeinsame politische Kultur hält sie als Nation zusammen, aber das Wissen über die jeweils anderen Sprachregionen verschwindet. Das unterhöhlt die schweizerische Identität.

Der libysche Präsident Muammar Ghadhafi beantragte bei der Uno, die Schweiz auf ihre Nachbarländer aufzuteilen. Abgesehen davon, dass man nicht richtig weiss, welchem Nachbarland er die rätoromanischen Regionen zugedacht hat (Liechtenstein?), ist der Idee eine gewisse Logik nicht abzusprechen: Die Bewohnerinnen und Bewohner der drei grösseren Sprachregionen sprechen die gleiche Sprache wie die jeweiligen Nachbarländer. Sie sind Teil der Kultur der gleichsprachigen Nachbarn. Und: Die schweizerischen Sprachregionen driften eh auseinander. Denkt also Ghadhafi nur zu Ende, was die Schweizerinnen und Schweizer nicht zu Ende zu denken wagen?

Die Sache ist vielschichtiger, als der libysche Präsident annimmt. Die Schweizerische Eidgenossenschaft ist eine Nation. Sie ist eine Willensnation, die vor allem auf der historischen Erfahrung, auf der politischen Kultur und auf republikanischer Mentalität gründet. Auch wenn die Mehrheit der schweizerischen Gebiete bis 1803, zum Teil bis 1833 solche minderen Rechts waren, so sind diese Territorien doch seit mindestens 500 Jahren vertraglich miteinander verbunden. Die politische Kultur der Schweiz manifestiert sich im Staatsverständnis, das

  • erstens auf genossenschaftliche statt hierarchisch-bürokratische Organisation setzt, auf das Milizprinzip statt auf das Apparatschikprinzip,
  • zweitens im Föderalismus mit seinem Subsidiaritätsprinzip wurzelt,
  • drittens der direkten Demokratie einen hohen Stellenwert verleiht,
  • viertens den Minderheitenschutz pflegt und
  • fünftens das Konkordanzprinzip anwendet.

Die republikanische Mentalität sorgt ferner für ein den Bürgerinnen und Bürger gemeinsames Verhalten, das sich durch nüchternen Pragmatismus, sparsames Haushalten und konkretes statt ideell-abstraktes Denken auszeichnet. Dies alles trägt die schweizerische Nation. Kommt hinzu, dass dank gemeinsamer Themen, Foren, Personen und Ereignissen auch eine nationale schweizerische Öffentlichkeit besteht, die dieser Nation laufend Identität verschafft. Gemeinsame Themen sind etwa Vorlagen zu eidgenössischen Volksabstimmungen oder Diskurse im Zusammenhang mit Skandalen. Gemeinsame Foren sind Filmfestivals, Schützenfeste, Schwingfeste, Parteitage, Verbandstage. Personen, die Identität stiften, sind Sportler wie Roger Federer, Didier Defago, Dario Cologna oder Politikerinnen wie Doris Leuthard, Micheline Calmy-Rey oder Eveline Widmer-Schlumpf. Als Ereignisse, die für alle wichtig sind, gelten Anlässe wie die Expo 02 oder Katastrophen wie das Attentat in Luxor oder der Erdrutsch von Gondo. Dies alles hält die Schweiz zusammen.

Aber es gibt eine gegenläufige Entwicklung. Die wissenschaftliche Forschung, sowohl die politikwissenschaftliche als auch die kommunikations- und medienwissenschaftliche, hat den Befund schon mehrfach dokumentiert: Das Wissen der Schweizer Sprachregionen übereinander geht verloren. Politologen haben nachgewiesen, dass die Diskurse in der Westschweiz und in der Deutschschweiz oft sehr verschieden laufen, auch wenn es dieselbe Thematik betrifft, und man nimmt sich gegenseitig nicht zur Kenntnis. Der Graben zwischen Deutsch und Welsch – das spiegeln oft auch die Ergebnissen von Volksabstimmungen - wird nicht weniger tief.

Dies ist alles nicht verwunderlich. Denn die Medien wirken segregierend, wie die medienwissenschaftliche Forschung zeigt:

  • Wenn die Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz fernsehen, dann gucken sie in allen Sprachregionen die meiste Zeit ausländische Programme. Den schweizerischen Programmen wenden sie sich markant seltener zu.

  • Das Publikum konsumiert praktisch keine fremdsprachigen Medien – weder Zeitungen noch Publikumszeitschriften, weder Radio noch Fernsehen, auch nicht im Internet. Sprachgrenzen sind Mediengrenzen. Nur etwa 3 Prozent (in allen Landesteilen) wenden sich Programmen anderer Schweizer Sprachregionen zu. Die SRG-Programme der Suisse romande werden in der Deutschschweiz und in der Svizzera italiana eigentlich nicht zur Kenntnis genommen, und umgekehrt.

  • Nicht einmal die SRG-Programme folgen der gleichen idée suisse. So ist beispielsweise der zweite Kanal des Deutschschweizer Senders stark informationslastig, jener der Suisse romande stark kulturlastig und jener der Svizzera italiana stark sportlastig. Auch der Journalismus unterscheidet sich, und der Stil der Nachrichten und der Diskussionen.

  • Der Bezug der Fernsehsendungen der SRG auf andere Sprachregionen ist relativ bescheiden, wie Professor Joachim Trebbe von der Universität Freiburg herausgefunden hat. Im Vordergrund steht die eigene Sprachregion. Die Medien tragen somit dazu bei, dass die Sprachgebiete weiter auseinanderdriften. Dies bestätigen auch Forschungen von René Grossenbacher (Publicom) und von Ruth Hungerbühler (Universität Lugano). Die Folge ist, dass das Wissen der Menschen über die jeweils anderen Landesteile, vor allem über die Kultur, die Gesellschaft und den Alltag, ungenügend ist.

  • Das Wissen könnten Korrespondenten in den anderen Sprachregionen wettmachen. Aber sogar die grossen Printmedien bauen Korrespondentenposten ab, so dass nicht mehr garantiert ist, dass die Medien kontinuierlich und vielfältig über Zustände, Entwicklungen und Eigentümlichkeiten der je anderen Sprachregionen berichten.

Dabei möchten die Menschen in der Schweiz durchaus mehr wissen über die anderen Sprachkulturen, vor allem über den Alltag. Auch dies zeigt die Forschung. Aber sie wollen es sich nicht mühsam aneignen, indem sie anderssprachige Medien nutzen, sondern sie hoffen auf Übersetzungsleistungen. Denn drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer sind nur der eigenen Sprache wirklich mächtig.

Die gegenwärtige Entwicklung unterhöhlt die schweizerische Identität. Dennoch gibt es natürlich keinen Grund, den Plan Ghadhafis gutzuheissen. Man muss die Schweiz nicht auflösen. Aber Reparaturen sind nötig. Den Defekt könnte ein Fernsehkanal beheben, der Beiträge untertitelt oder synchronisiert ausstrahlt.